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Dem Magen geht’s an den Kragen

Quelle: Märkische Allgemeine, Der Havelländer, 05.06.2010

Dem Magen geht's an den Kragen

Medizin - In Nauen werden ab Herbst Fettleibige operiert

In der Nauener Havellandklinik können schon bald Patienten mit großem Übergewicht operiert werden – und die Krankenkasse zahlt. Mit dem Klinik-Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Bernd Ruschen, sprach darüber Jens Wegener.

MAZ: Überall im Gesundheitswesen wird gespart, müssen die Patienten immer mehr zuzahlen. Jetzt tragen die Krankenkassen in vielen Fällen die Kosten für Operationen zur Gewichtsreduzierung. Wie kommt das?
Bernd Ruschen: Neueste wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass mit der Reduktion des Körpergewichtes gleichzeitig lebensverkürzende Begleiterkrankungen geheilt oder deutlich gebessert werden können. Also besonders aus medizinischer Sicht sind diese Operationen sinnvoll.

Und finanziell?
Ruschen: Selbst bei Kosten von etwa 12 000 Euro pro Eingriff können die Kassen unterm Strich ihre Ausgaben reduzieren. Auch deshalb sprechen sich die Gutachter der Krankenkassen verstärkt für diese Operationen aus.

Können Sie das mal an einem Beispiel erklären?
Ruschen: Nehmen wir den Diabetes. Nach erfolgreicher Operation normalisiert sich in Folge des Gewichtsverlustes bei 80 Prozent aller Patienten der Blutzucker. So benötigen 40 bis 50 Prozent der Patienten keine Insulin mehr. Mit der Normalisierung des Blutzuckers steigt die Lebenserwartung vieler Patienten, weil Spätkomplikationen der Zuckerkrankheit, wie Gefäßschäden, Erblindung, Nervenschmerzen, Nierenerkrankung, Schlaganfall sowie Herzinfarkt deutlich seltener auftreten.

Die Havellandklinik in Nauen hat sich entschlossen, als eines der ersten Krankenhäuser in Brandenburg diese Operationen durchzuführen. Ab Oktober soll es losgehen. Sie glauben also an den Erfolg?
Ruschen: Noch vor Jahren stand ich der chirurgischen Therapie der Fettsuchtkrankheit skeptisch gegenüber. Die Operationen waren mit großen Bauchschnitten verbunden, die Komplikationsrate entsprechend hoch. Das hat sich mit der sogenannten Schlüssellochmethode verändert. In der Regel benötigen wir fünf Minischnitte zwischen fünf Millimeter und zehn Millimeter, um diese Operation in der Bauchhöhle erfolgreich anzuwenden.

Welche Patienten kommen für diese Operation überhaupt in Frage?
Ruschen: Von der Fettsuchtkrankheit spricht man ab einem Body Mass Index von 35. Der BMI ist eine Messzahl zur Bewertung des Gewichts. Er berechnet sich aus dem Gewicht, geteilt durch die Größe im Quadrat. Wenn bei einem Patienten alle anderen, nichtoperativen Verfahren über Jahre versagt haben, kann er sich operieren lassen.

Was sind nicht operative Verfahren?
Ruschen: In Deutschland müssen sich die Patienten vor jeder Operation zunächst einer konservativen Therapie unterziehen. Diese wird in Nauen von unserem Team, bestehend aus Ernährungsmedizinern und Diabetologen, Psychologen und Bewegungstherapeuten über mindestens sechs Monate durchgeführt. Derzeit sind fünf Patienten bei uns in dieser Behandlung. Führen Diäten, Bewegungstherapie und Änderung der Essgewohnheiten zu keinem deutlichen Gewichtsverlust, entscheidet unser Team über einen chirurgischen Eingriff und schlägt dem Patienten die geeignete Operationsmethode vor.

Welche Operationsverfahren wenden Sie an?
Ruschen: Es gibt im Wesentlichen drei. Das Anlegen eines Magenbandes führt zu einer Herabsetzung der Nahrungspassage. Der Magen bleibt dabei komplett erhalten. Bei einer Magenverkleinerung wird der Magen zu einem kleinen Schlauch umgewandelt, der Patient kann dann deutlich kleinere Mengen aufnehmen. Nach meiner Ansicht die wirkungsvollste Methode ist eine Bypass-Operation. Hierbei wird ein kleiner Restmagen angelegt. Dadurch kann das Volumen der Nahrungsaufnahme deutlich reduziert werden. Insbesondere Patienten mit Begleiterkrankungen profitieren von diesem Vorgehen.

Wer entscheidet über die Operationsmethode?
Ruschen: In unserer Spezialsprechstunde in der Klinik werden die Patienten ausführlich beraten. Sie haben dann ausreichend Gelegenheit, sich ein Verfahren auszuwählen.

Nach dem Gewichtsverlust bilden sich meist überstehende Falten an Armen, Beinen und am Körper…
Ruschen: Hier bieten wir entsprechende Korrekturoperationen an. Diese Kosten werden ebenfalls von der Krankenkasse getragen.

Wie geht man in anderen Ländern mit der Übergewichts-Chirurgie um?
Ruschen: In den USA und Teilen Europas, wie Belgien und Österreich, zählen diese chirurgischen Verfahren bereits zum Standard. Gemessen an den Operationszahlen nimmt Deutschland und insbesondere Brandenburg dagegen den Status eines Entwicklungslandes ein. Die neuesten Daten in Deutschland prognostizieren bei 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung ein Übergewicht und davon bei zehn Prozent ein krankhaftes Übergewicht. Mit Sicherheit wird sich auch bei uns die chirurgische Therapie der Fettsuchtkrankheit als Bestandteil der medizinischen Versorgung durchsetzen.